Kurz erklärt

Hypericin und Hyperforin sind die beiden Leitsubstanzen des Johanniskrauts. Hypericin gehört zu den roten Pflanzenfarbstoffen, Hyperforin zu den empfindlicheren Bitterstoffen. Beide dienen als Marker, an denen Extrakte standardisiert werden – so lassen sich Gehalt, Qualität und Gleichmäßigkeit eines Produkts von Charge zu Charge nachvollziehbar machen und vergleichen.

Wer sich mit Johanniskraut (Hypericum perforatum) beschäftigt, stößt schnell auf zwei Namen: Hypericin und Hyperforin. Sie gelten als die charakteristischen Inhaltsstoffe der Pflanze und tauchen auf vielen Etiketten als Prozentangaben auf. Dieser Ratgeber erklärt rein pflanzenkundlich, was hinter den beiden Substanzen steckt, wie Extrakte darauf standardisiert werden und worauf Sie bei der Auswahl achten können.

Was sind Hypericin und Hyperforin?

Johanniskraut ist eine wild wachsende Staude, deren gelbe Blüten sich zwischen Juni und August öffnen. Zerreibt man eine Knospe zwischen den Fingern, tritt ein rötlicher Saft aus – ein erster sichtbarer Hinweis auf die enthaltenen Farbstoffe. Chemisch ist die Pflanze ausgesprochen vielfältig: Sie enthält mehrere Stoffgruppen, von denen Hypericin und Hyperforin die bekanntesten sind.

Hypericin zählt zu den sogenannten Naphthodianthronen, einer Gruppe roter Pflanzenfarbstoffe. Zusammen mit dem eng verwandten Pseudohypericin ist es für die dunkelrote Färbung des Pflanzensaftes verantwortlich. Diese Farbstoffe finden sich vor allem in den kleinen dunklen Drüsen an Blüten und Blättern, die dem Kraut sein charakteristisches, punktiertes Aussehen geben – daher auch der botanische Namenszusatz perforatum ("durchlöchert").

Hyperforin gehört dagegen zur Gruppe der Phloroglucinderivate und zählt zu den Bitterstoffen der Pflanze. Es ist chemisch deutlich empfindlicher als Hypericin: Hyperforin reagiert leicht mit Licht und Sauerstoff und baut sich beim Trocknen, Lagern und Verarbeiten vergleichsweise rasch ab. Diese Instabilität ist einer der Gründe, warum die Herstellung und Aufbewahrung johanniskrauthaltiger Produkte anspruchsvoll ist.

Warum diese beiden Stoffe als Leitsubstanzen gelten

Eine Pflanze enthält Hunderte einzelner Verbindungen, deren Zusammensetzung je nach Standort, Erntezeitpunkt und Witterung schwankt. Damit ein Produkt von Charge zu Charge vergleichbar bleibt, braucht es messbare Bezugsgrößen. Genau diese Rolle übernehmen Hypericin und Hyperforin: Als sogenannte Marker- oder Leitsubstanzen lassen sie sich analytisch gut erfassen und dienen als Maßstab, an dem der Gehalt und die Gleichmäßigkeit eines Extrakts abgelesen werden.

In der Praxis heißt das: Ein Hersteller gibt an, wie viel Hypericin (häufig als "Gesamthypericine", also einschließlich Pseudohypericin) oder Hyperforin in einem Produkt enthalten ist. Über diese Kennzahlen wird nachvollziehbar, ob es sich um ein konzentriertes, standardisiertes Präparat oder um schlicht gemahlenes Kraut handelt. Für die Einordnung eines Produkts sind sie damit ein zentrales Qualitätsmerkmal – mehr dazu im Ratgeber Johanniskraut kaufen: worauf achten.

Extraktverhältnis und Standardisierung verstehen

Zwei Begriffe begegnen einem bei Johanniskraut-Produkten immer wieder: das Extraktverhältnis (Drug-Extrakt-Verhältnis, DEV) und die Standardisierung. Beide beschreiben, wie stark ein Auszug konzentriert ist und wie genau sein Gehalt eingestellt wurde.

Das Drug-Extrakt-Verhältnis (DEV)

Das Extraktverhältnis gibt an, aus wie viel getrocknetem Ausgangskraut eine Einheit Trockenextrakt gewonnen wurde. Eine Angabe wie "3–7:1" bedeutet, dass für ein Gramm Extrakt drei bis sieben Gramm Rohdroge eingesetzt wurden. Je höher die erste Zahl, desto stärker ist das Pflanzenmaterial aufkonzentriert. Das Verhältnis wird als Spanne angegeben, weil der Rohstoff natürlichen Schwankungen unterliegt.

Standardisierung auf einen definierten Gehalt

Standardisierung bedeutet, dass der Extrakt auf einen festgelegten Anteil einer Leitsubstanz eingestellt wird – etwa auf einen bestimmten Prozentsatz Gesamthypericine. So enthält jede Kapsel oder Tablette einer Charge einen vergleichbaren Gehalt, unabhängig davon, wie stark die einzelne Ernte ausgefallen ist. Bei Nahrungsergänzungsmitteln ist außerdem das verwendete Lösungsmittel relevant: Wässrige, alkoholische oder ölige Auszüge lösen die einzelnen Inhaltsstoffe unterschiedlich gut heraus, sodass sich das Stoffprofil je nach Herstellungsverfahren unterscheidet. Welche Darreichungsformen es gibt und wie sie sich unterscheiden, lesen Sie im Beitrag Johanniskraut: Anwendung, Formen und Wechselwirkungen.

Formen und Gehalt: Kraut, Extrakt, Öl

Johanniskraut wird in sehr unterschiedlichen Formen angeboten, und der Gehalt an Hypericin und Hyperforin fällt entsprechend verschieden aus:

  • Getrocknetes Kraut und Tee: Hier liegen die Inhaltsstoffe in ihrer natürlichen, nicht aufkonzentrierten Menge vor. Wie viel davon in einen Aufguss übergeht, hängt stark von Wassertemperatur und Ziehzeit ab.
  • Trockenextrakte in Kapseln oder Tabletten: Sie sind konzentriert und meist auf eine Leitsubstanz standardisiert. Der Gehalt ist hier am genauesten deklariert.
  • Rotöl (Ölauszug): Das durch Mazeration von Blüten in Pflanzenöl gewonnene, rot gefärbte Öl wird traditionell äußerlich verwendet. Seine rote Farbe stammt aus den Hypericin-verwandten Farbstoffen.

Weil Hyperforin empfindlicher ist als Hypericin, kann sein Anteil je nach Verarbeitung und Lagerdauer deutlich variieren – ein frisch hergestelltes, dicht und dunkel verpacktes Produkt bewahrt die Bitterstoffe besser als lose, hell gelagerte Ware.

Herkunft, Ernte und der Gehalt der Leitsubstanzen

Wie viel Hypericin und Hyperforin eine Pflanze enthält, entscheidet sich lange vor der Verarbeitung – nämlich auf dem Feld. Der Gehalt der Leitsubstanzen schwankt je nach Sonneneinstrahlung, Boden, Höhenlage und Erntezeitpunkt. Als besonders reich an Inhaltsstoffen gelten die oberen, blühenden Triebspitzen kurz nach dem Aufblühen; verholzte Stängelanteile tragen dagegen wenig bei. Traditionell wird das Kraut daher rund um die Sommersonnenwende geerntet, wenn die Blüte auf ihrem Höhepunkt steht.

Nach der Ernte folgt ein ebenso wichtiger Schritt: das schonende Trocknen. Weil Hyperforin auf Wärme und Sauerstoff empfindlich reagiert, kann zu heißes oder zu langes Trocknen den Gehalt spürbar mindern. Seriöse Hersteller dokumentieren Herkunft und Verarbeitung ihrer Rohware und weisen den Gehalt der Leitsubstanzen pro Charge aus. Diese Nachvollziehbarkeit ist ein guter Anhaltspunkt, um Produkte sachlich miteinander zu vergleichen.

Wechselwirkungen: der wichtigste Punkt vorab

Johanniskraut ist dafür bekannt, dass seine Inhaltsstoffe in Prozesse eingreifen können, über die der Körper zahlreiche Arzneistoffe verarbeitet. Hyperforin gilt dabei als der Stoff, der besonders stark mit dem Abbau anderer Substanzen in der Leber wechselwirkt. Die Folge kann sein, dass gleichzeitig eingenommene Medikamente schneller abgebaut werden und dadurch schwächer wirken. Dieser Punkt ist so bedeutsam, dass er vor allen anderen Überlegungen steht.

Besonders relevant sind Wechselwirkungen mit:

  • hormonellen Verhütungsmitteln ("die Pille"): Die Zuverlässigkeit der Verhütung kann beeinträchtigt werden. Hintergründe dazu im Ratgeber Nahrungsergänzung und die Pille.
  • Blutverdünnern (gerinnungshemmenden Medikamenten),
  • bestimmten Antidepressiva,
  • Immunsuppressiva (etwa nach Transplantationen),
  • sowie weiteren Wirkstoffgruppen wie einigen Herz-, HIV- oder Krebsmedikamenten.

Wenn Sie regelmäßig Medikamente einnehmen, schwanger sind oder stillen, sprechen Sie vor der Anwendung eines johanniskrauthaltigen Produkts unbedingt mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke. Diese fachliche Abklärung lässt sich nicht durch eigene Recherche ersetzen.

Nahrungsergänzung und Arzneimittel klar unterscheiden

Johanniskraut gibt es sowohl als registriertes oder zugelassenes Arzneimittel als auch als Nahrungsergänzungsmittel – und beides ist rechtlich nicht dasselbe. Arzneimittel durchlaufen ein behördliches Verfahren und sind für einen bestimmten Anwendungszweck vorgesehen, über den ausschließlich die entsprechenden Fachinformationen und medizinisches Fachpersonal Auskunft geben. Ein Nahrungsergänzungsmittel ist dagegen ein Lebensmittel: Es liefert Pflanzenextrakt in dosierter Form und dient der Ergänzung der normalen Ernährung, ohne den Status eines Arzneimittels zu haben.

Für Sie als Käufer bedeutet das: Die Angaben zu Hypericin- und Hyperforin-Gehalt beschreiben die Zusammensetzung des Produkts – also welche Inhaltsstoffe in welcher Menge enthalten sind. Achten Sie beim Vergleich darauf, dass beide Produktkategorien nach unterschiedlichen Regeln gekennzeichnet sein können.

Worauf Sie bei der Qualität achten können

Aus pflanzenkundlicher Sicht lassen sich einige Merkmale nennen, die ein gut gemachtes Produkt auszeichnen: eine klare Angabe des Extraktverhältnisses, eine transparente Standardisierung auf Gesamthypericine oder Hyperforin, Herkunfts- und Chargenangaben sowie eine licht- und luftdichte Verpackung, die die empfindlichen Bitterstoffe schützt. Dunkle Braunglasflaschen oder blickdichte Blister sind hier sinnvoller als transparente Behälter. Auch das Herstellungs- und Mindesthaltbarkeitsdatum gibt Hinweise darauf, wie frisch der Extrakt ist.

Ergänzend lohnt ein Blick auf die Zutatenliste: Ein hochwertiges Produkt kommt in der Regel mit wenigen, klar benannten Bestandteilen aus. Je nachvollziehbarer ein Hersteller Gehalt und Herkunft dokumentiert, desto besser lässt sich die Ware einordnen.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Hypericin und Hyperforin?

Hypericin ist ein roter Pflanzenfarbstoff aus der Gruppe der Naphthodianthrone und für die rötliche Färbung des Pflanzensaftes verantwortlich. Hyperforin gehört zu den Bitterstoffen (Phloroglucinderivate) und ist chemisch deutlich empfindlicher. Beide dienen als Leitsubstanzen, an denen Extrakte standardisiert werden.

Warum wird Johanniskraut auf Hypericin standardisiert?

Weil sich Hypericin analytisch gut und zuverlässig messen lässt, eignet es sich als Bezugsgröße, um den Gehalt eines Extrakts anzugeben. Die Standardisierung sorgt dafür, dass jede Charge einen vergleichbaren, definierten Anteil der Leitsubstanz enthält – trotz natürlicher Schwankungen des Rohstoffs.

Was bedeutet das Extraktverhältnis, zum Beispiel 3–7:1?

Das Drug-Extrakt-Verhältnis gibt an, wie viel getrocknetes Ausgangskraut für eine Einheit Extrakt verwendet wurde. "3–7:1" heißt, dass drei bis sieben Gramm Rohdroge zu einem Gramm Trockenextrakt verarbeitet wurden. Je höher der Wert, desto stärker ist das Pflanzenmaterial aufkonzentriert.

Warum ist der Hyperforin-Gehalt so unterschiedlich?

Hyperforin reagiert empfindlich auf Licht, Sauerstoff und Wärme und baut sich beim Trocknen, Verarbeiten und Lagern vergleichsweise schnell ab. Deshalb hängt der tatsächliche Gehalt stark vom Herstellungsverfahren, der Verpackung und der Lagerdauer ab. Licht- und luftdichte Verpackungen bewahren die Bitterstoffe besser.

Muss ich bei Johanniskraut auf Wechselwirkungen achten?

Ja, das ist besonders wichtig. Die Inhaltsstoffe können den Abbau vieler Arzneistoffe beeinflussen – etwa bei der Pille, Blutverdünnern, bestimmten Antidepressiva und Immunsuppressiva. Wenn Sie Medikamente einnehmen, schwanger sind oder stillen, klären Sie die Anwendung vorab ärztlich oder in der Apotheke ab.

War dieser Artikel hilfreich?

Gesundheitshinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Bei gesundheitlichen Beschwerden, in Schwangerschaft und Stillzeit oder bei der Einnahme von Medikamenten halte bitte Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt. So entstehen unsere Ratgeber →

Quellen

  1. Hyperici herba (Johanniskraut) – Europäisches Arzneibuch, Monographie — European Directorate for the Quality of Medicines & HealthCare (EDQM), 2023
  2. Assessment report on Hypericum perforatum L., herba — European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), 2018
  3. St. John's Wort and Depression: In Depth — National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH), NIH, 2020