Kurz erklärt

Myrosinase ist ein pflanzliches Enzym in Brokkoli und anderen Kreuzblütlern. Es spaltet beim Zerkleinern oder Kauen das Senfölglykosid Glucoraphanin und wandelt es in Sulforaphan um. Ohne aktive Myrosinase entsteht kaum Sulforaphan, weil das Enzym hitzeempfindlich ist.

Wer sich mit Brokkoli und Sulforaphan beschäftigt, stößt früher oder später auf einen sperrigen Begriff: Myrosinase. Dieses Enzym ist der eigentliche Schlüssel, denn ohne es bleibt der begehrte Pflanzenstoff schlicht inaktiv. In diesem Ratgeber erklären wir biochemisch klar, was Myrosinase ist, wie die Aktivierung abläuft und warum Hitze, Verarbeitung und Produktqualität hier den entscheidenden Unterschied machen. Wer das Zusammenspiel von Enzym und Ausgangsstoff einmal verstanden hat, trifft bei frischem Gemüse wie bei Nahrungsergänzung deutlich fundiertere Entscheidungen und durchschaut so manche Werbeversprechen deutlich leichter.

Was ist Myrosinase?

Myrosinase ist ein pflanzeneigenes Enzym, das in Kreuzblütlern wie Brokkoli, Rucola, Kresse, Kohl und Senf vorkommt. Chemisch gehört es zur Gruppe der Thioglucosidasen, also Enzyme, die eine Zucker-Schwefel-Bindung aufspalten. Seine biologische Aufgabe in der Pflanze ist eine Art Abwehrsystem: Wird das Pflanzengewebe verletzt, setzt Myrosinase eine Reaktion in Gang, die scharfe, teils reizende Verbindungen freisetzt und so Fraßfeinde abschreckt.

Das Spannende daran: In der intakten Pflanze sind Enzym und Ausgangsstoff räumlich getrennt. Das Senfölglykosid Glucoraphanin lagert in bestimmten Zellkompartimenten, während die Myrosinase an anderer Stelle sitzt. Erst wenn die Zellstruktur zerstört wird, treffen beide aufeinander. Genau diese Trennung ist der Grund, warum ein ganzer, unverletzter Brokkoli praktisch kein Sulforaphan enthält.

Der Name selbst gibt einen Hinweis auf die Funktion: Er leitet sich vom Senföl (lateinisch teils als Myron bezeichnet) ab, das bei der Reaktion entsteht. In der Fachliteratur taucht Myrosinase deshalb auch unter Bezeichnungen wie Thioglucosid-Glucohydrolase auf. Für den Alltag reicht die einfache Merkregel: Myrosinase ist die biochemische Schere, die den Zucker vom Senfölglykosid abtrennt und damit die scharfen, reaktiven Senföle erst freisetzt.

Glucoraphanin, Myrosinase und Sulforaphan: die Reaktion Schritt für Schritt

Um zu verstehen, was Myrosinase leistet, hilft ein Blick auf die drei beteiligten Bausteine. Glucoraphanin ist die inaktive Speicherform, ein sogenanntes Senfölglykosid (Glucosinolat). Myrosinase ist das Enzym, das diese Speicherform aufschließt. Sulforaphan ist das reaktive Endprodukt, ein Isothiocyanat, das den typisch scharfen Senf- oder Kresse-Ton mitprägt.

Der Ablauf ist in mehreren Schritten beschreibbar. Zunächst wird das Pflanzengewebe mechanisch verletzt, etwa durch Schneiden, Kauen oder Mixen. Dadurch verlassen Glucoraphanin und Myrosinase ihre getrennten Kompartimente und kommen in Kontakt. Die Myrosinase spaltet nun die Zuckergruppe vom Glucoraphanin ab. Aus dem entstehenden Zwischenprodukt bildet sich schließlich Sulforaphan. Vereinfacht gilt also: Glucoraphanin plus aktive Myrosinase ergibt Sulforaphan. Fehlt einer der beiden Faktoren, entsteht das Endprodukt nicht oder nur in Spuren. Wie Sulforaphan biochemisch weiter eingeordnet wird, lesen Sie im Detail im Beitrag Sulforaphan aus Brokkoli.

Warum Hitze die Aktivierung stoppt

Myrosinase ist ein Protein und damit hitzeempfindlich. Bei längerem Kochen, Braten oder starkem Dämpfen verliert das Enzym seine dreidimensionale Struktur und damit seine Funktion. Es wird denaturiert und kann Glucoraphanin nicht mehr spalten. Das erklärt ein oft überraschendes Phänomen: Stark gekochter Brokkoli kann noch reichlich Glucoraphanin enthalten, liefert aber deutlich weniger Sulforaphan, weil das aktivierende Enzym fehlt.

Interessant ist, dass Glucoraphanin selbst hitzestabiler ist als das Enzym. Die Speicherform übersteht also einiges, während die Myrosinase schon früher aussteigt. In der Praxis bedeutet das: Wer möglichst viel aus der Reaktion holen möchte, arbeitet enzymschonend. Rohkost, kurzes und sanftes Dämpfen oder das Zerkleinern und anschließende kurze Ruhenlassen vor dem Erhitzen sind gängige Ansätze. Auch der menschliche Körper hat eine Reserve: Ein Teil der Darmbakterien besitzt eigene enzymatische Fähigkeiten und kann Glucoraphanin in gewissem Umfang umsetzen, selbst wenn die pflanzliche Myrosinase bereits zerstört wurde. Diese bakterielle Umwandlung ist jedoch individuell verschieden und weniger effizient als die direkte pflanzliche Aktivierung.

Was die Sulforaphan-Ausbeute sonst noch beeinflusst

Hitze ist der bekannteste, aber nicht der einzige Faktor. Auch die Temperatur beim Zerkleinern, die Wartezeit nach dem Schneiden und ein zweites Pflanzenprotein spielen mit hinein. Neben der Myrosinase kommt in manchen Kreuzblütlern ein sogenannter Epithiospezifier-Faktor vor. Ist er aktiv, kann die Reaktion statt zu Sulforaphan verstärkt zu einem anderen Abbauprodukt, einem Nitril, führen. Dieser Nebenweg wird durch bestimmte Bedingungen beeinflusst, weshalb Verarbeitung und Temperaturführung darüber mitentscheiden, welches Endprodukt überwiegt.

Praktisch relevant ist außerdem die kurze Ruhezeit nach dem Zerkleinern. Wer rohen Brokkoli oder Sprossen schneidet und einige Minuten stehen lässt, bevor er sie kurz erhitzt, gibt der Myrosinase Zeit, ihre Arbeit zu tun, bevor die Hitze das Enzym stoppt. Auch der Säuregrad im Umfeld und die Anwesenheit von Wasser beeinflussen, wie effizient die Umwandlung abläuft. Man muss diese Details nicht bis ins Letzte steuern, aber sie erklären, warum die reine Menge an Glucoraphanin allein nie die ganze Geschichte erzählt.

Myrosinase in verschiedenen Kreuzblütlern

Nicht jeder Kreuzblütler bringt gleich viel Enzym oder Ausgangsstoff mit. Brokkolisprossen sind besonders reich an Glucoraphanin und liefern zugleich aktive Myrosinase, weshalb sie als eine der ergiebigsten Quellen gelten. Ausgewachsener Brokkoli enthält meist weniger Glucoraphanin pro Gramm, ist dafür aber in größeren Mengen alltagstauglich. Kresse, Rucola, Senf und verschiedene Kohlarten steuern jeweils eigene Glucosinolate und ihre eigene Myrosinase bei, sodass unterschiedliche Senföle entstehen können.

Diese Vielfalt ist auch der Grund, warum die Kombination verschiedener Kreuzblütler in der Küche sinnvoll ist. Frische Kresse über gedämpftem Brokkoli oder etwas Senf im Dressing bringt aktive Myrosinase zurück ins Spiel, selbst wenn das Enzym im gegarten Gemüse bereits denaturiert wurde. So lässt sich die natürliche Reaktion mit einfachen Mitteln unterstützen, ohne dass ein komplizierter Zubereitungsplan nötig wäre.

Was das für Brokkoli-Präparate bedeutet

Genau an diesem Punkt wird Myrosinase für Nahrungsergänzung interessant. Viele Brokkoli-Extrakte werden standardisiert auf ihren Glucoraphanin-Gehalt angeboten. Das ist sinnvoll, sagt aber allein noch nichts darüber aus, wie viel Sulforaphan tatsächlich entstehen kann. Denn ohne aktive Myrosinase bleibt das Glucoraphanin die inaktive Speicherform.

Zwei Wege der Sulforaphan-Bildung

Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze. Beim ersten liefert das Produkt bereits fertig gebildetes, stabilisiertes Sulforaphan. Beim zweiten kombiniert das Produkt glucoraphaninreichen Brokkoli-Extrakt mit einer aktiven Myrosinase-Quelle, häufig aus Brokkolisprossen oder Senfsamen, sodass die Umwandlung im Verdauungstrakt ablaufen kann. Beide Varianten haben eine Berechtigung, entscheidend ist die Transparenz des Herstellers. Ein weiterer Punkt ist die Darreichung: Magensaftresistente Kapseln oder eine geschützte Formulierung sollen dafür sorgen, dass empfindliche Bestandteile den Weg durch den sauren Magen möglichst gut überstehen. Da Sulforaphan selbst empfindlich gegenüber Hitze und Feuchtigkeit ist, spielen auch Herstellung, Lagerung und Haltbarkeit eine Rolle. Ein hochwertiges Produkt macht zu diesen Punkten nachvollziehbare Angaben, statt nur mit einer möglichst großen Zahl auf der Verpackung zu werben.

Woran Sie erkennen, dass mitgedacht wurde

Achten Sie auf klare Angaben zu Glucoraphanin- und, falls vorhanden, Sulforaphan-Gehalt sowie auf Hinweise zu einer Myrosinase-Quelle oder aktiven Enzymen. Ein reiner Glucoraphanin-Wert ohne jeden Hinweis auf die Aktivierung ist ein Signal, genauer hinzusehen. Welche Kriterien beim Kauf sonst noch zählen, haben wir im Ratgeber Sulforaphan kaufen: worauf achten zusammengestellt.

Myrosinase im Alltag: praktische Einordnung

Für die Ernährung lässt sich das Wissen um Myrosinase einfach nutzen. Frischer, roher Brokkoli, Brokkolisprossen, Rucola und Kresse bringen ihre eigene aktive Myrosinase mit. Wer gekochten Brokkoli bevorzugt, kann etwas Senfpulver, frische Kresse oder Rohkost dazugeben, um eine Enzymquelle zu ergänzen. Das ist kein Muss, sondern eine Möglichkeit, mehr aus der natürlichen Reaktion herauszuholen. Brokkoli und andere Kreuzblütler sind ohnehin Teil einer pflanzenbetonten, abwechslungsreichen Ernährung, wie sie auch in unserem Überblick zu antioxidantienreichen Lebensmitteln beschrieben ist.

Wichtig zur Einordnung: Myrosinase, Glucoraphanin und Sulforaphan sind Lebensmittelbestandteile beziehungsweise Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln. Sie ersetzen keine abwechslungsreiche Ernährung und keine ärztliche Behandlung. Wenn Sie gesundheitliche Fragen haben, Medikamente einnehmen, schwanger sind oder stillen, besprechen Sie die Einnahme von Präparaten am besten vorab mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen (FAQ)

Was macht Myrosinase genau?

Myrosinase ist ein pflanzliches Enzym, das das Senfölglykosid Glucoraphanin aufspaltet. Erst durch diese Spaltung entsteht Sulforaphan. Ohne aktive Myrosinase bleibt das Glucoraphanin in seiner inaktiven Speicherform und wird kaum in Sulforaphan umgewandelt.

Warum entsteht Sulforaphan erst beim Kauen oder Schneiden?

In der intakten Pflanze sind Glucoraphanin und Myrosinase räumlich voneinander getrennt. Erst wenn die Zellstruktur durch Schneiden, Mixen oder Kauen zerstört wird, treffen Enzym und Ausgangsstoff aufeinander und die Umwandlung zu Sulforaphan startet.

Zerstört Kochen die Myrosinase?

Myrosinase ist ein hitzeempfindliches Protein. Längeres Kochen oder starkes Erhitzen denaturiert das Enzym, sodass es Glucoraphanin nicht mehr spalten kann. Glucoraphanin selbst ist stabiler, weshalb stark gekochter Brokkoli meist weniger Sulforaphan liefert.

Brauche ich Myrosinase auch bei Brokkoli-Kapseln?

Das hängt vom Produkt ab. Enthält ein Präparat nur Glucoraphanin, kann eine aktive Myrosinase-Quelle die Sulforaphan-Bildung unterstützen. Manche Produkte liefern bereits fertiges Sulforaphan oder kombinieren Extrakt mit einer Enzymquelle. Die Herstellerangaben geben hier Auskunft.

Kann der Körper Glucoraphanin auch ohne pflanzliche Myrosinase umwandeln?

Ein Teil der Darmbakterien besitzt eigene Enzyme und kann Glucoraphanin in gewissem Umfang umsetzen, selbst wenn die pflanzliche Myrosinase zerstört ist. Diese bakterielle Umwandlung ist jedoch individuell unterschiedlich und in der Regel weniger effizient als die direkte Aktivierung durch pflanzliche Myrosinase.

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Gesundheitshinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche oder pharmazeutische Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Bei gesundheitlichen Beschwerden, in Schwangerschaft und Stillzeit oder bei der Einnahme von Medikamenten halte bitte Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt. So entstehen unsere Ratgeber →